10 Years of Making Apps

Belohnte Extrameilen - oder über aufsummierte Lieblosigkeiten

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Manche Dinge erstaunen mich immer wieder aufs Neue. Katzen, Frauen, die eigene Blödheit und halt auch fast täglich: diese hartnäckige Verweigerung so vieler Menschen und Firmen, die besagte und mehr oder minder berühmte Extra Meile zu gehen.

Und es kann mir doch heute keiner mehr sagen, dass es immer noch nicht verstanden wird. Oder dass es keine Vorbilder gäbe. Oder genügend Personen, die dieses simple Mantra immer und immer und immer wieder wiederholen.

Und man muss ja auch nicht immer Apple bemühen. Es gibt ja noch andere Firmen und Personen, die dessen mächtig sind.

Die Firma, die zum Beispiel meine Kopfhörer herstellt. Oder die Jungs, die unsere Wohnung und mein Büro gestrichen und beim Umzug geholfen haben. Oder der nette Chinamöbelladenmann, der immer dafür Sorge trägt, dass ich ja meine Räucherstäbchen auch in ausreichenden Mengen bekomme.

Oder auch diese Automarke mit den vier Ringen, was man deren Fortbewegungsmitteln und vor allem dem Support anmerkt. Dann gibt es da auch noch unzählige kleinere und größere Entwickler, Gestalter, Handwerker und Dienstleister, die alle in der Lage sind, Dinge zu Ende zu denken und zu bringen.

Und deren Ergebnissen man einfach anmerkt, dass da eben jene Extra Meile drin steckt. Ich nenne dies gerne auch Liebe. Und damit meine ich nicht nur die zum Detail. Fast noch wichtiger ist die zum Tun.

Und dann gibt es da jene Menschen und Firmen, die doch eigentlich etwas können und auch wissen, was sie können und tun. Und vor allem auch die Ressourcen zur Verfügung haben und hätten.

Und dennoch springt einem bei deren Arbeit und Gerätschaften an jeder Ecke dieses Unfertige, dieses Geschludere – eben diese fehlende Extra Meile, diese fehlende Liebe, entgegen.

Sei es RIM, Google, Samsung, Opel oder auch Leica. Ihr könntet doch, wenn ihr denn nur …

Genau dieses Wenn verstehe ich nicht. Was hindert denn Menschen daran diese Extra Meile zu gehen?

Und ich rede jetzt nicht davon, ein japanisches Kampfschwert herzustellen und dafür 73 Jahre zu brauchen und dann immer noch nicht zu 100 Prozent zufrieden zu sein. Auch bei Apple, Audi und Co ist nicht alles perfekt. Bei Weitem nicht.

Und dennoch spürt man da etwas. Ahnt etwas und fühlt etwas. Und genau diese Dinge helfen dann natürlich auch über so manche Unebenheit hinweg.

Aber wenn dieses Gefühl, diese Ahnung nicht vorhanden ist – dann summiert sich einfach nur alles auf. Und dann summiert sich eben die Schludrigkeit. Dieses nicht zu Ende Gedachte.

Aufsummierte Lieblosigkeit ist das Gegenteil der Extra Meile.

Und das ist das, was so verdammt viele Menschen jeden Tag aufs Neue abliefern. Jeden Tag. Aufsummierte Lieblosigkeit. Natürlich werden verdammt viele Menschen dazu in ihrem Corporate Cubicle (sorry, aber ich kenne kein deutsches gutes Wort dafür) von oben gezwungen.

Aber eben nicht nur. Und bitte was geht in Menschen vor, die ihre Angestellten zur Lieblosigkeit verdonnern?

Und vor allem, was geht in jemandem – egal ob da oben oder unten alleine vor dem Schreibtisch, in der Werkstatt oder wo auch immer – vor, der sich damit zufrieden gibt?

So, Feierabend. War ich heute wieder toll. Ich habe an jeder nur erdenklichen Ecke aber so etwas von geschludert, ich bin der Held.

Und jetzt kommt mir nicht mit Ästhetischem Empfinden – ich rede nicht (unbedingt) von Schönheit oder Geschmack. Die iOS Oberfläche finde ich zum Beispiel auch nicht wirklich prickelnd. Aber in sich ist sie stimmig und vor allem ist bei ihr nicht geschludert worden. Jeder, der mal mit Android oder BlackBerry OS gearbeitet hat, bekommt zur Hässlichkeit auch noch Schludrigkeit.

Ja, da gibt es bei beiden tolle Dinge. Richtig durchdachte Dinge. Dem PlayBook zum Beispiel verzeihe ich als einzigem Gerät das Fehlen eines richtigen ‘Home Buttons’ – einfach weil es da funktioniert. Twitter als Widget auf dem Samsung (Android) Tablet auf dem ‘Home Screen’ ist toll und hätte ich auch gerne auf meinem iPad ohne Jailbreak.

Aber dafür sind die Widgets in Android dann aber wieder nur halbherzig und lieblos gemacht. Oder der Rest vom PlayBook OS eine einzige Baustelle. Dann verzichte ich doch lieber drauf. Und genau das ist der Punkt.

Bevor ich etwas ohne Liebe und nur halbherzig veröffentliche/einbaue – dann lasse ich es doch ganz. Oder nehme mir die Zeit. Ein Fehlen einer Sache kann nämlich genau so bedeuten, dass jemand die Extra Meile gegangen ist. Ich warte doch lieber etwas länger, als dass ich die Wohnung nur beschissen gestrichen bekomme.

Denn ich muss mich doch wohl fühlen. Mich wohl fühlen mit den Dingen, die mich umgeben. Mit den Dingen, die ich benutze. Und wenn ich mir gerade etwas Gutes nicht leisten kann, dann muss ich halt noch sparen.

Aber irgendwie gibt es eine unverschämt große Industrie, die nur dafür – und vor allem darauf - baut, dass Menschen nicht warten. Und genau das tun die dann auch nicht. Als Kunde kann man übrigens auch die Extra Meile gehen, so man denn will.

Bitte – was ist das denn für eine Abwägung zwischen Lieblosigkeit sofort und toller Liebe später?

Und diese Abwägung wird in diesem Moment auf der ganzen Welt zig Milliarden mal gefällt. Und so verdammt oft wird die Lieblosigkeit sofort gewählt.

Dazu fällt mir irgendwie immer Paris Hilton und ihr ach so tolles Video ein. Wer die fickt, ist auch nur zu faul zum Wichsen ist doch alles, was davon übrig bleibt. Da steckt in den meisten drittklassigen YouPorn-Home-Videos mehr Liebe.

Und genau solche Arbeiten mit dem Völligkeitsgefühl eines Big Macs werden tagtäglich milliardenfach abgeliefert und abgekauft. Zwei Stunden satt, dann ist einem schlecht und dann hat man wieder Hunger.

Das ist mal ok, manchmal sogar nötig – aber bitte doch nicht täglich.

Und vor allem geht es auch nicht nur darum, was andere davon haben, was andere davon denken, wie glücklich andere damit sind. Klar ist das wichtig. Aber das ist doch nicht das Wichtigste.

Die Extra Meile belohnt als aller erstes einen selber. Und dann die anderen. In genau dieser Reihenfolge. Und nur in dieser Reihenfolge. Jede gegangene Extra Meile macht einen ganz persönlich glücklich. Jeden Tag aufs Neue.

Und da gibt es immer noch so verdammt viele Menschen, die jeden Tag stur weiter ihre Lieblosigkeit aufsummieren. Und das sind dann genau die Menschen, die die Schuld daran bei allen anderen suchen.

Heute ist ein neuer Tag. Heute warten unzählige neue Entscheidungen. Und bei der einen oder anderen, da kann man sich einfach mal für die richtige Seite entscheiden. Denn wir alle wissen, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jedem Augenblick – was richtig und gut für uns ist.

Wir wissen es einfach. Wir haben einen Ahnung. Und eigentlich wollen wir auch glücklich sein.

Lieblosigkeit sofort ist nicht der Weg dahin …






Zwischenrufe

  1. Valentin

    Lieber Michael,
    vielen Dank für die vielen extra Meilen die du in deinem Blog, deiner Software, deinem Schaffen gehst. Genau das ist der Grund, warum ich z.b. hier im Blog immer alles mit Vergnügen, viel Kopfnicken und Kopfschütteln und vor allem gerne lese. Es macht dir Freude und liegt dir am Herzen und das spürt man. Danke dafür!



  2. Lukas

    super artikel! super Blog!



  3. Ivo

    Das ist wirklich unglaublich. Da schwimmt man tagtäglich durchs Web und findet auf allen großen Nachrichtenseiten immer den gleichen Mist. Jeder bringt immer brühwarm das absolut neuste und es wird 1000 fach wiedergekäut. Neues springt dabei nicht heraus. Dabei ist es egal ob das neue iphone eine Klobrille bekommt oder Frau Merkel den Gulden Rettungsschirm auf neue Rekordhöhen pumpt.

    Und dann ist da dieses kleine gallische Dorf von dir Michael. Da findet man dann solche Perlen, wo jemand tatsächlich was zu sagen. Auch mir fehlt es bei meinem Job genau an dieser Extrameile. Das war mir bisher nur nicht bewusst. Oder anders gesagt, mir war nicht klar wie wichtig das ist. Ich werde das ändern.

    Vielen Dank für deine Gedanken. Es macht Spaß hier zu lesen.



  4. matthias

    sehr schön geschrieben und bestärkt einen darin in seiner Arbeit engagiert zu bleiben oder wie du es so sehr treffend bezeichnest - eine extra Meile gehen - vielen dank für diese super Formulierung! das sagt alles - man bekommt es nicht bezahlt und es wurde nicht mal verlangt, trotzdem setzt man noch einen drauf weil es so richtig ist.

    ein gutes Beispiel dafür ist das alte Handwerk, das eben nicht mehr in unsere zeit passt
    aber nach meiner laienhaften Beobachtung in der Softwarebranche wohl am ehesten weiter lebt - zB diese vielen kleinen Softwaremanufakturen.

    weiter so !



  5. Lesestoff - DenkfabrikBlog.de - DenkfabrikBlog.de

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