Von der eingebildeten Bringschuld
Ich weiß gar nicht, was unsere Politiker da für ein Problem mit dem Internet und dessen Einwohnern haben. Wenn etwas so berechenbar ist, wie wir – dann sollte das eigentlich keinem Angst machen müssen.
Ich habe seit gestern krampfhaft überlegt – ob es an der Sparrow Geschichte eine Moral gibt. Ob wir irgend etwas zu lernen haben für Morgen.
Ich habe nichts gefunden.
Alles wie immer. Vor allem die Reaktionen. So etwas von berechenbar, langweilig und stellenweise armselig.
Jetzt für alle zum Mitschreiben und vielleicht bleibt es ja doch bei ein oder zwei hängen:
Es gibt keine Software-Bringschuld. Wir Entwickler schulden euch genau so viel, wie Starbucks euch schuldet, wenn ihr denen 3,90 rübergereicht habt. Oder UCI, wenn ihr 14,90 für 90 Minuten Berieselung hingeblättert habt.
Ihr wusstet vorher, was ihr bekommt. Ihr habt eine Entscheidung getroffen. Das war es dann aber auch.
Wenn der Latte kalt sein sollte, dann bekommt ihr garantiert einen neuen. Sollte der Film wegen Stromausfalles nicht gezeigt werden können, dann bekommt ihr euer Geld zurück.
Wenn Starbucks in ein paar Wochen eine neue Kaffeesorte für die Hälfte anbietet – stürmt ihr dann auch deren Filialen mit euren benutzen Pappbechern und schreit lauthals noch einer kostenlosen Aktualisierung und einer Rückerstattung der Differenz? Geht ihr nie wieder in das Kino, weil bei dem Film ein paar Sequenzen suboptimal waren? Habe ihr deswegen schon mal euer Geld wiederbekommen? Oder seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, das einzufordern?
Aber bei Software – da haben alle beim Hinblättern von ein paar Kröten immer die unglaublichsten Rechte mit gekauft – es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, was wir Entwickler euch gegenüber doch für eine Bringschuld eingegangen sind.
Und vor allem wir kleinen App-Klöppel-Buden. Support innerhalb von Stunden, Bug-fixe innerhalb von Tagen und Aktualisierungen bis zum Lebensende. Und iOS Apps für 99 Cent haben Universal zu sein – sonst lauft ihr aber Amok.
Und wenn dann eine Handvoll Jungs, die ein gutes Programm geschrieben, und das Glück hatten, den Nerv der Zeit zu treffen und auch sonst alles richtig gemacht haben – also Dinge wie Support, Bug fixes und Aktualisierungen – für ihre harte Arbeit belohnt werden, dann ist aber die Kacke am Dampfen.
Die Jungs von Sparrow schulden euch rein gar nichts. Ihr habt euren Kaffe bekommen und durftet den Film sehen. Und ihr könnt das sogar noch für eine ganze Weile. Denn das App liegt bei euch auf der Festplatte. Es ist nicht leer und auch die 90 Minuten sind nicht rum.
Ist das Schade um das App? Natürlich. Darf man sich darüber ärgern? Natürlich.
Aber was da manche von euch abziehen – ich habe da nicht mal Worte für. Ich weiß, viele von euch wollen das nicht hören – aber wir hocken im selben Boot.
Nehmen wir mal die einzig verbliebene ‘Sparrow Alternative’ Postbox. Die mussten ihren Preis von früher 40 Dollar – und das ist wahrlich keine überzogene Summe für ein Mail-Programm – auf 10 senken. Und die haben nicht auf einmal vier mal so viele Programme verkauft. Mal abgesehen von gestern.
Innerhalb von einem Jahr sind die Preise für Mac Apps so dermaßen gepurzelt, dass es stellenweise nicht mehr lustig ist und nein, die wenigsten kleinen Entwickler verkaufen auf einmal so viel mehr, dass sich das ausgleicht.
Und zeitgleich sind eure eingebildeten Rechte nicht genau so geschrumpft. Nein, mit denen ist das Gegenteil passiert. Die eingebildete Bringschuld steigt genau so rapide, wie eure Bereitschaft für harte Arbeit zu zahlen, abnimmt.
Ich weiß, es gibt immer noch löbliche Ausnahmen und ja, es gibt auch Entwickler, die kein schlechtes Leben haben. Aber wenn gerade mal zwei bis drei Prozent aller Apps im App Store (iOS) ihre Entwickler ernähren können – dann läuft da was falsch.
Und auf der anderen Seite bekommen wir ja mittlerweile zu den Geräten, die wir teuer erwerben, eine grandiose Grundausstattung an stellenweise hervorragenden Apps kostenlos dazu.
Nur die schreiben sich auch nicht von alleine. Und vor allem braucht man dazu auch Talent. Firmen wie Google und Apple, die kaufen keine Produkte – die kaufen Talente.
Und das lassen die sich dann von euch an anderer Stelle rückerstatten. Das überseht ihr nur gerne mal.
Und Talente brauchen (wie wir alle) ein wenig Ruhe und Sicherheit, um gescheit arbeiten zu können. Wenn dies gegeben ist und die angebotenen Summen nicht gerade Instagramm-Niveau erreichen, dann überlegen es sich die meisten Entwickler drei mal, ob sie denn ihre Kinder wirklich verkaufen wollen oder gar müssen.
Ja, die Jungs von Sparrow werden nicht am Hungertuch genagt haben. Aber die haben auch nicht so angefangen und sie hatten auch eine Menge Glück und es passen nicht allzu viele gleichzeitig in die Top Ten im App Store.
Aber während sie dort waren, da sind sie ihrer nicht vorhandenen Bringschuld aber so etwas von nachgekommen.
Und ihr so?
Wenn die Summe stimmt, dann werden die allermeisten von uns schwach. Und ein Ausverkauf ist auch immer noch etwas anderes – aber das können (oder wollen) wohl einige einfach nicht sehen. Ich weiß nicht, ob da der Neid die Sicht versperrt?
Die Jungs haben ein gutes App geschrieben, haben hart gearbeitet, haben einen guten Support geleistet, ordentlich Bugs gefixt und auf ihre Nutzer gehört. Und jetzt sind sie dafür belohnt worden.
So funktioniert das in diesem System, von dem ihr so was von gewaltig profitiert und das ihr mit eurem ureigenen Verhalten unterstützt und formt.
Vielleicht nicht wirklich eine Moral von der Geschichte – aber vielleicht eine gute Übung für Morgen:
Und jetzt alle mal ganz laut B sagen …

22.07.12 | 08:46
Da kann ich als Nutzer nur zustimmen. Ich gönne es diesen kleinen App Entwicklern wenn Sie mal einen großen Wurf machen. Ach was war noch mal mit Instagram? Ach so da wollten ja alle Ihre Bilder löschen und nicht mehr nutzen…. ^^
22.07.12 | 10:20
Mir, als User, ist es auch schon häufig in Foren und selbst in Rezensionen von Apps aufgefallen: Eine App für 4,99 wird schon als teuer tituliert. Meine Güte: Eine Schachtel Zigaretten ist da schon teurer, und von den meckernden Nutzern wird wahrscheinlich auch schon einmal ein Bier in einer Kneipe getrunken. Wo bleibt da die Verhältnismässigkeit.
Ich freu mich für jeden Programmierer, wenn er Erfolg hat und auch seinen Lebensunterhalt, mit “für mich nützlichen Programmen”, verdienen kann.
22.07.12 | 03:07
Ich habe die Debatte nicht ganz verfolgt. Es ist lediglich schade, dass es an Google gegangen ist und folglich auch den Datenschutzrichtlinien von Google unterliegt. Wer ohnehin schon ein Google-Konto besitzt, den dürfte das wenig stören. Schade ist es für die Übrigen, die weder Facebook noch Google in größerem Umfang verwenden und somit entweder dazu gezwungen werden die wirklich abenteuerlichen Datenschutzrichtlinen zu akzeptieren, oder aber das Programm zu wechseln.
Ansonsten wird sich dieser “Geiz-ist-geil”-Gedanke wohl so schnell nicht aus den Köpfen verdrängen lassen, da die meisten schlichtweg nicht nachvollziehen können, wie viel Arbeit doch darin steckt.
22.07.12 | 11:30
an dem artikel stört mich erstmal das ich als Leser direkt angesprochen werde und mir vorwürfe gemacht werden. tatsächlich kenne ich das Programm nicht, schon mal gehört aber nie benutzt.
vielleicht hab ich den Artikel auch falsch verstanden, aber ich muss sagen ich würde mich auch sehr ärgern wenn mein lieb gewonnenes app ausgerechnet an google verkauft wird.
es hat geld gekostet und ob es nun 5 oder 50 € waren, vor allem hat man sich eingearbeitet und früher oder später muss man sich wohl ein neues suchen.
das heisst aber noch lange nicht das ich den Entwickler kein finanziellen Erfolg gönne.
von mir aus können die steinreich werden und für ein gutes app also Qualität zahle ich auch. mit seiner Arbeit viel Geld zu verdienen ist also absolut ok aber an google usw zu verkaufen um auf einen schlag ausgesorgt zu haben (wobei keine Vorstellung wie viel die bekommen) ist etwas anderes und für die Nutzer, die den Entwicklern mit einem Kauf auch ihr Vertrauen geben, ist das alle male enttäuschend - so sehe ich das als Käufer und Konsument !
“Die Jungs haben ein gutes App geschrieben, haben hart gearbeitet, haben einen guten Support geleistet, ordentlich Bugs gefixt und auf ihre Nutzer gehört. Und jetzt sind sie dafür belohnt worden”
- das ist für mich nur eine finanzielle Belohnung aber die Arbeit wird doch eher belohnt, wenn sehr viele das app kaufen und gerne nutzen. wenn die Jungs so toll waren frage ich mich gerade warum die es verkloppen, dann würde ich weiter machen - erst recht !
das die Leute zb an ein 99 cent app noch grosse Erwartungen stellen ist doch eher ein anders Thema und verstehe ich auch gar nicht.
23.07.12 | 10:05
Zur Frage der Motivation hat Laura Kalbag einen interessanten Artikel geschrieben, der ihre Sicht darlegt: http://blog.laurakalbag.com/love-money-and-motivation/
Im Gegensatz zu einem Kaffee möchte man Software ja aber gerne über einen längeren Zeitraum einsetzen. Dass Software möglicherweise zu günstig verkauft wird, steht da auf einem anderen Blatt.
Natürlich ist es das gute Recht der Leute, ihren Laden und sich zu verkaufen. Aber schade ist es trotzdem. Der Ton in dem Leute darüber schreiben ist natürlich sehr laut, aber das ist im Internet doch immer so. Deswegen muss die Grundidee nicht total falsch sein.
23.07.12 | 05:45
Also…
Im Prinzip hast du völlig recht, die Softwarepreise - speziell im MAS - sind teilweise echt viel zu niedrig. Und mir geht dieses 4,99 Euro ist zu teuer gequatsche auch auf die Nerven.
Aber…
Im Kino oder im Kaffeehaus hatte man noch nie den zweiten Film oder den zweiten Kaffee günstiger bekommen - bei Software schon immer (Updates, Upgrades und es gab mal die Zeit von Sidegrades… ach…). Wenn so etwas wegfällt und man es über viele, viele Jahre gewohnt war, dann ist man einfach verärgert.
Das Softwarefirmen von anderen aufgekauft werden und Softwareartikel dann einfach verschwinden hat es schon immer gegeben - nur hat es die Masse meist nicht mitbekommen - Freehand mag als Beispiel dienen (weil ich es sehr vermisse).
Irgendwie zweifle ich aber auch an den Softwarentwicklern - es gab auch ein Leben vor dem MAS. Und ich habe mich schon immer gefragt, ob dieses Konzept jemals funktionieren kann - ich meine, einmal günstig kaufen, Updates für immer gratis…? Wie soll das für die Entwickler gehen, wovon sollen die Leben?
Trotzdem seit ihr scharenweise in den MAS gegangen, habt teilweise alle anderen Vertriebskanäle sausen lassen.
Keine Testversionen mehr? Ich soll einfach Geld ausgeben für etwas, von dem ich nicht einmal weiß ob ich damit zurecht komme - keine Chance auf Rückgabe (theoretisch schon, aber he, hat das jemals wer gemacht?). Das verärgert gewaltig - und diesen Frust lässt man dann auch irgendwo raus.
Eigentlich sollten alle sofort raus aus dem MAS! Das Konzept funktioniert langfristig einfach nicht.
Den Entwicklern von Sparrow gönne ich ihren “Erfolg” total - ich habe es nie benutzt, aber ich gönnte das gleiche auch den Entwicklern von Kaleidoscope und das benutze ich oft…
Vor dem MAS waren es die Leute einfach nicht gewohnt Software zu kaufen, der Großteil der Leute hatte ihre drei, vier Programme und ein wenig Freeware und das war es dann (für alle anderen gab es Sachen wie “Serial Box” und Cracks). Heute sollen sie alles kaufen, das ist für die Leute auch neu… da gibt es dann immer viel Geschrei.
Aber das man nicht mal 30, 40 Euro für eine gute App ausgeben will, die man auch noch wirklich oft verwendet - das habe ich auch nie verstanden, dieser Egoismus, dass alle Appentwickler doch gefälligst verhungern sollen ist schon erstaunlich.
27.07.12 | 11:39
Sehe ich das richtig, dass Postbox unter OS X Mountain Lion noch nicht funktioniert? Beim Versuch mal die Demo zu testen, bekomme ich einen Fehler: http://cl.ly/IMWB
Möglicherweise habe ich Schnarchnase da auch einfach was verpennt?
27.07.12 | 11:41
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