Unter Apples übermachtigem Schatten - oder der schmale Grat

Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren ob Samsung oder ob Samsung nicht. Falls da wirklich irgend jemand der Meinung sein sollte – Samsung habe nicht, der möge sich bitte ganz schnell in Behandlung begeben.
Und wir brauchen auch nicht darüber zu diskutieren, dass Apple kopiert und klaut. Oder wie wir Entwickler das gerne nennen: sherlocked.
Wenn man sich nur mal überlegt, was Apple alleine in den letzten zwei Jahren alles ‘erfunden’ hat – was schon viel länger und erfolgreich auf dem Markt war.
Und genau da zeigt sich das ganze Problem der heutigen Zeit.
Der feine Grat zwischen Innovation, simpler Notwendigkeit und dreistem Diebstahl.
Und wie immer ist diese Linie ziemlich dünn, ständig wo anders und vor allem äußerst schlüpfrig.
Wer hat was erfunden?
Ich las jüngst in einer Review zu Free, dass ich dreist bei iA Writer und Byword abgekupfert hätte. (Angeblich habe ich das aber so gut gemacht, dass Free besser sei – aufgeregt habe ich mich natürlich trotzdem).
Bitte – bei welchem, schon lange bevor iA jemals ein App in Auftrag gegeben hat, myTexts gab es all die Dinge, die die angeblich erfunden haben? Von den ganz dreisten abkupferernden Metaclassies reden wir lieber erst gar nicht.
Wenn ich irgendwo abgekupfert habe – dann bei Ulysses. Und dann könnt man sagen, die haben ja eigentlich schon beim C4 abgekupfert und die eigentlich beim Ur-Terminal und das bei einem Blatt Papier und die ollen Agypter bei einer Höhlenwand und wer weiß, woher dieser alte behaarte Franzose das hatte.
Und ich könnte jetzt alleine mit meinen Apps und kurze Zeit später erscheinenden Programmen anderer Entwickler Seiten füllen. Und andere Entwickler könnten dies genau so tun und auch meine Apps dazu anführen.
Und dann ist da noch das mit der Dampfmaschine. Die wurde innerhalb weniger Monate an den unterschiedlichsten Orten dieser Welt von Menschen erfunden, die sich nicht kannten und damals gab es noch kein Internet. Da war einfach die Zeit reif. Oder hat danach geschrieen.
Apples erste Version eines eigenen iPhones war nichts anders als ein nachgemachter BlackBerry. Und die Chancen haben ja auch nicht schlecht gestanden, dass wir ein iPhone mit Tastatur präsentiert bekommen hätten.
Und Googles erstes Android war eine dreiste Kopie von des BlackBerry OS. Die haben ihre Fähnchen halt nur einfach schneller drehen können – als der Erfinder das Smartphones.
Wie – RIM hat das Smartphone gar nicht erfunden? Das war Nokia?
Nein, das war Siemens. Nein, Palm. Nein das war …
Und wer hat dann den eingebauten Browser in einem Rezepte-App erfunden? MOApp natürlich. Nein, das war der Kerle von YummySoup. Nein, das war meine Oma, die hat das immer schon gesagt. Nein, das war …
Oder es war einfach nur die Zeit reif für eine logische Entwicklung.
Und die haben in aller Regel nichts mit abkupfern zu tun. Als ich meine Weblogeditoren auf Rich Text Formatierungen umgestellt habe, da erschien keine zwei Wochen später eine neue Version von MarsEdit und was brachte die mit sich?
Jetzt könnte man – ohne genau hinzuschauen – sagen, der Daniel habe damals dreist bei mir abgekupfert. Wenn man aber weiß, wie lange man an so etwas sitzt – dann wird ganz schnell klar, dass wir unabhängig von einander daran gesessen haben. Einfach weil die Zahl derer, die mit Bloggen angefangen hatten und keine Ahnung von HTML hatten, gestiegen war.
Und übrigens hatte das auch keiner von uns beiden ‘erfunden’ – das gab es schon vorher. Wenn auch vielleicht nicht ganz so bekannt.
Viel wichtiger in diesem Fall aber war die Tatsache, dass es an der Zeit war. Weil es benötigt wurde.
Hätten wir es nicht anbieten sollen – weil wir es nicht erfunden haben? Auch wenn der eigentliche ‘Erfinder’ einen beschissenen Job gemacht hat?
Nehmen wir nur mal RIM und lassen mal die katastrophale Führungsetage bei denen außen vor. Bis auf so komische Menschen wie mich, die nicht auf einem iPhone tippen können, wollte auf einmal jeder ein betatschbares Telefon für die Hosentasche haben.
Und ein jeder wollte ein iPhone. Also eigentlich. Genau so, wie ein jeder eigentlich ein iPad will. Wer das Geld hat, der greift zu einem iPhone und einem iPad. Alles andere wird nur gekauft, weil man es nicht besser weiß und/oder das Geld nicht hat (haben will).
Und das hat ja auch einen Grund. Apple hat weder das Smartphone, noch das Tablet und schon gar nicht das betatschbare Betriebssystem erfunden. Aber das, was sie beim Verkupfern daraus gemacht haben ist gut. Besser als alles andere.
Und all die anderen Firmen hätten das auch mit den selben Zutaten machen können. Die waren (und sind) für alle identisch. Haben sie aber nicht. Und werden sie wohl auch so schnell immer noch nicht tun. Leider.
Drum haben die jetzt ein Problem. Eines, dass wir bei RIM ja fast in Echtzeit sehen und/oder miterleben können. Wie viele Zehntausende haben da schon ihren Job verloren?
Sollen noch zig-tausende weitere in Korea und sonst wo ihren Job verlieren, weil Apple einfach besser ‘erfunden’ hat. Weil die Welt nach flachen schwarzen Dingen mit abgerundeten Ecken schreit und Apple sich etwas hat schützen lassen, was es tatsächlich schon in den Siebzigern in einen Kubrick-Film geschafft hat?
Ich hätte gerne eine Gerichtsverhandlung zwischen Braun und Apple wegen des iPods gesehen. Oder dass Marco (Instapaper) Apple verklagt und deren neuste ‘Erfindung’ aus Safari wieder entfernen lässt. Und die Chancen dafür dürften sogar gar nicht mal so schlecht stehen, würde er es wirklich versuchen.
Als Apples ‘Konkurrent’ hat man es nicht leicht. Entweder man ‘kopiert’ oder man geht pleite – so scheint es momentan.
In unser aller Interesse darf das nicht passieren. Wird der Schatten, den zum Beispiel ein Baum wirft, zu groß, zu übermächtig – dann stirbt darunter alles ab und dies tötet am Ende auch den Schattenwerfer selber.
Ich denke, der schmale Grat zwischen Diebstahl und Innovation (oder Anpassung) misst sich an der Dreistigkeit.
Die ist in Samsungs Fall nun wahrlich nicht mehr zu überbieten. Bis jetzt hat es Apple geschafft, an dieser Linie immer haarscharf vorbei zu schrappen. Man könnte – schaut man sich andere Firmen an – allerdings auch sagen, dass diese Trennlinie immer dann ‘sicher’ ist, wenn Stümper am Werk sind. Und davon gibt es einige. Dazu zählt Samsung allerdings auch nicht.
Und von dieser Tasche profitieren wir alle wiederum. Auch Apple. Zum Kopieren gehören auch immer zwei.
Ungeachtet des Ausgangs dieser Gerichtsverhandlung – ich denke, wir sollten unser eigenes Handeln immer auf diesen einen Grat-Messer hin überprüfen.
Wie dreist stellen wir uns gerade an?
Denn erfunden haben wir schon lange nichts mehr. Es gibt nichts mehr zu erfinden. Es war alles schon mal da. Es gibt nur noch Abwandlungen.
Und da gibt es nur mehr oder weniger dreiste.
Aber vor allem gibt es gute und es gibt schlechte Abwandlungen. Und je besser eine Abwandlung ist, um so eher verzeihen wir die Dreistigkeit.
Aber es gibt einen eindeutigen Punkt – an dem das Ergebnis auch noch so gut sein kann – vor dem man tunlichst Halt macht: Unverschämtheit wird nicht verziehen …

08.08.12 | 10:41
Genau das macht ein (einst so sympathisches) Unternehmen mit vielen tollen Produkten so dermaßen unsymaptisch, dass man keinen Bock mehr drauf hat und sich abwendet. #apple #kindergarten
08.08.12 | 11:21
Wie recht Du hast.
Aber es ist trotzdem ein schmaler Grat und kein schmaler Grad ;) Sorry, ich bin ein Klugscheißer…
08.08.12 | 04:01
Da war sie wieder, die Illusion vom Geistigen Eigentum™, die sie uns alltäglich verkaufen wollen … ;-)
08.08.12 | 07:02
Das Bewußtsein von Originalität beruht auf einem schlechten Gedächtnis. (Rekt. Dr. theol. Fratz, 1962)
08.08.12 | 07:57
Großartiges Zitat :-)
09.08.12 | 02:25
Ist es! - Ich hab’s mir immer vorgekramt, wenn ich meinte, etwas besonders neues gefunden zu haben.
05.02.13 | 10:59
Sorry Michael, aber das Look and Feel von »Free« ist hinsichtlich iA’s Writer nun wirklich mehr als ähnlich. Hier von Inspiration zu sprechen wäre grenzwertig. Da helfen auch deine netten Vergleiche nichts.
Du machst gute Arbeit, das ist keine Frage – aber du bist nun mal eher ein Entwickler, als ein Designer (I know, jeder Mensch ist ein Designer…).
Viele Grüße
05.02.13 | 11:06
Wenn man daneben liegt, dann nun mal richtig, was?
Ich bin kein Entwickler. Nie gewesen udn werde es auch nie richtig können. Ich bin ein Designer, der mühsam vor sich hin klöppelt. Und dann waren verdammt viele der Dinge, die iArchitects und die Jungs von Byword ‘erfunden’ haben, schon vorher in meinem myTexts drin und das über Jahre - aber hey, mir ist das mittlerweile zu müßig und zu blöd darüber noch zu diskutieren.
Vermarktet haben sie es auf jeden Fall besser, keine Frage …