Wissen macht dumm

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Ich muss immer alles wissen. Sofort. Von allen Seiten und vor allem schneller und immer schneller. Und was können wir das heute alle so. Sofern nicht gerade mal wieder das Internet streikt. Dann wissen wir so gut wie gar nichts mehr.

Das, was wir mal gelernt haben ist so verschüttet unter dem Wissen, dass wir so täglich – wo wir nur stehen und gehen – konsumieren.

Zwei Dinge, die ja eigentlich auch so gar nicht zusammen passen. Sich ja eigentlich ausschließen müssten.

Wissen und Konsum. Wissen ist Arbeit. Harte. Also, war es mal. Wir, die wir noch Samstags zur Schule gegangen sind, wir sollten das eigentlich noch wissen.

Und Wissen hat auch nichts mit Lernen zu tun. Sollten wir eigentlich auch gelernt haben. Und wissen. Wissen wir anscheinend aber gar nicht mehr. Oder haben es verlernt. Wir wissen sonst auch sehr wenig. Davon aber so verdammt viel.

Was ich alles weiß – das ist unglaublich. Aber nur, so lange der Strom nicht abgestellt ist.

Wissen entstand schon immer – und nur daraus – aus dem Diskurs. Und der hatte noch nie eine Beschränkung auf 140 Zeichen. Und vor allem einem Diskurs über Dinge, mit denen man nicht so vertraut war.

Schlechte Lehrer haben einem Fakten eingepaukt. Gute Lehrer haben uns mit unserer gelangweilten Nase auf Zusammenhänge gestupst. Haben unseren Horizont erweitert. Und heute, wo der Horizont auf dem Bildschirm schier unendlich ist – da tun wir allzuoft das Gegenteil.

Wer verkleinern ihn künstlich. In kleine verdauliche Häppchen. Suchmaschinentaugliches Wissen. Wir verkommen zu Schlagwortsammlungen mit Internetzugang.

Sollte es tatsächlich irgendwo noch so etwas wie einen Ansatz von Diskurs geben, dann ist der spätestens nach dem dritten Troll vorbeigerauscht.

Und dann schließen immer mehr ihre Kommentarfunktion. Aus Gründen. Den Diskurs erst ja nicht aufkommen lassen. Könnte ja in Arbeit ausarten. Also dem Gegenteil von Konsum.

Ich beherrsche sogar die Steigerung davon. Ich konsumiere Kommentare. Passiv. Konstantes Kopfschütteln als Denkersatz. Und das schon vor dem Frühstück. Und vor dem Schlafengehen.

Und dies natürlich auch nur in Bereichen, von denen ich mir meine Ahnung so dermaßen einbilden kann, dass ich mein Kopfschütteln sogar auf die iCloud auslagern könnte.

Manchmal, so wie jetzt gerade, ertappe ich mich dann bei dem Versuch mir neues Wissen anzueignen. Und das ist dann so schnell so dermaßen ermüdend, so harte Arbeit, dass ich ganz schnell wieder aufgebe. Das könnte ja in Arbeit enden.

Ich weiß ja genug. Ich muss nur den Rechner aufklappen und dann weiß ich alles. Und nach nur drei Klick sogar besser. Und ich klicke viel. Und mit jedem Klick werde ich … ja, was werde ich da eigentlich.

Schlauer ist ist garantiert nicht. Und wenn ich mich so umschaue, dann die meisten von euch irgendwie auch nicht. Ich behaupte mal, dass wir wohl eher unsere Scheuklappen mit jedem Klick enger schnallen und unser Brett vorm Kopf nicht abschleifen, sondern verstärken und noch mit einem schönen Schleifchen versehen.

Denn Meinung ist wie Wissen. Nur wenn man andere hört und versteht, kann man sich eine eigene bilden. Meinungen konsumieren führt nur dazu, die eigene zu verstärken/festigen. Nur ungeprüft führt das auch nicht zu mehr Einsicht und Wissen.

Und die eigene Meinung auf einen solchen Prüfstand zu stellen setzt wieder einen Diskurs voraus. Also harte Arbeit. Und die macht seltenst Spaß. Wenn man Pech hat, dann muss man etwas Neues lernen. Und wenn man ganz viel Pech hat, dann muss man dazu auch noch lernen, dass die eigene Meinung falsch ist.

Da konsumiere ich doch lieber mir genehmes Wissen in kleinen Häppchen. Wenn ich mich dabei nur richtig genug anstelle, dann kann ich mir selber beibringen, dass ich dabei immer schlauerer werde.

Wenn ihr dann, solltet ihr mal ausnahmsweise nach Zusammenhängen suchen und Dinge hinterfragen, allerdings feststellen, das ich auch immer dümmerer werde – dann.

Tja, dann kann ich ja immer noch die Kommentarfunktion sperren …






Zwischenrufe

  1. Ludwig GE

    Wieso macht harte Arbeit keinen Spaß? (Oder differenzierst Du zwischen Spaß und Freude? - Was man ja eigentlich tun sollte!!!) - Also ich habe in meinem Leben viel und meist hart gearbeitet und das habe ich auch nur gekonnt, weil mir die Arbeit Freude (Spaß) machte!
    — NUR WIRKLICHE / HARTE ARBEIT MACHT FREUDE! —



  2. Hendrik

    Es kommt meiner Meinung nach auf die Informationsquellen an. Viele “Leitmedien” fungieren längst nicht mehr als Quelle, sondern lediglich als Lieferant von mehr oder weniger schlecht gefilterten Agenturmeldungen.

    Ich habe im Moment ehrlich gesagt ein großes Problem mit meinen täglichen Informationsquellen. Die Qualität und Orginalität bleiben häufig auf der Strecke. Es scheint als gehe es nur noch darum, wer am schnellsten eine Meldung “druckt”. Und wenn ich dann mal eine Meinung lese, scheint mir diese häufig so undiferenziert, dass ich den Artikel kaum zu ende lesen kann.

    Am wichtigsten ist es, seine täglichen Informationsquellen zu hinterfragen und auch zu wechseln. “Der Spiegel” wurde abbestellt und durch “Die Zeit” ersetzt. “guardian.co.uk” macht “spiegel online” für mich überflüssig. Die meisten Apple-Inforamtionsportale sind aus dem Feedreader geflogen, diese Seite hat sie ersetzt. Auch wenn ich eine noch kritischere Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex “Apple” begrüßen würde. ;) Ich finde es nicht wichtig eine Inforamtion am schnellsten zu erhalten, sondern die diferenzierteste Meinung zum Thema zu lesen.

    Dabei bin ich immer auf der Suche nach anspruchsvollen Autoren. Wer noch guten Seiten über die altäglichen Themenkomplexe von Politik über Sport, Fotographie bis hin zur Videographie kennt, kann gerne einen Kommentar schreiben.

    Auf die Qullen, gerne auch konträr, kommt es an um Dinge von mehreren Seiten zu beleuchten und zu verstehen.




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