Das Weblog der MOApp Programm Manufaktur.
Tiraden, Kommentare, Fünde und Tipps von Michael & Ollerum.

Spielen wir das Spiel vom Killer doch mal andersherum

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Fangen wir doch mal mit einem alten Michaelischen Sprichwort an:

Wenn ein alter Hund anfängt zu sabbern, dann sabbert bald die ganze junge digitale Herde.

In Zeiten von selbst in Deutschland mehr oder minder schellem Internet ist dieses Bald auch eher kürzer als ungefähr.

Es hat ja genau einen Tag gedauert, eh die alten Hunde die Killerspielblutspur aufgenommen haben und es hat genau keine drei Sekunden gedauert, bis die digitalen Reflexe aus dem gut gedüngten Twitterboden sprießten.

Mal abgesehen davon, dass es als ‘Außenstehender’ schon putzig mit anzusehen ist, wie das eine (beispielhafte, blind aus der Timeline voll mit abertausenden anderen gezogene) Reflexrückenmark dem anderen Reflexrückenmark reflexartig vorwirft, doch zu viele Reflexe zu haben, so spüre ich doch den den reflexartigen Drang, mich zu fragen, ob dieser hinkende Vergleich nicht doch die Folge einer virtuellen Schussverletzung sein könnte.

Man kann ja aus Versehen schon mal auf den Mute-Knopf kommen und dann bleibt er ungehört.

Solltest du einer meiner maximal drei regelmäßigen Leser sein, so bist du es schon gewöhnt, dass ich mich permanent und mit vollem Anlauf unbeliebt mache. Solltest du dich aus einem Reflex heraus hier verirrt haben, so lasse dir gesagt sein, dass ich schon regelmäßig Tabletten für mein Email- und Internet Tourette nehme; nächste Woche probiere ich es mal mit Medikamenten dagegen.

Dies nur als Vorwarnung für das, was jetzt kommt:

Ich sehe einen Unterschied zwischen Miss Pacman, einem Fußballsimulator und Spielen, bei denen ich nichts anderes mache, als stundenlang Menschen, Tiere, Lebewesen, Gegenstände, WasAuchImmer, abzuknallen und das Blut von meinem Flachbildschirm nur so in 3D tropft.

Man ist, was man ißt. Man nimmt an, womit man sich umgibt. Man glaubt, was man sich sagt und denkt. Man denkt und glaubt, was man sich sagt; bzw. was man gesagt bekommt.

Die Chancen von einer Waffe erschossen zu werden oder sich damit selber zu erschießen steigen exponentiell, wenn nur eine Waffe in der Nähe ist; fragt mal die ganzen Tierärzte auf dem Land und nach ihrer Selbstmordrate.

Das sind übrigens alles ganz ‘normale’ Menschen in ihrer Mehrheit und nein, nicht alle erschießen sich gleich, nur weil sie Tierarzt sind oder gerade eine Waffe zur Hand haben. Für die, die es dann doch tun, wären die Überlebenschancen nur so gewaltig höher gewesen, sie hätten keine Kleinkaliberpistole in der Schublade gehabt.

Aber wenn ich die selbe reflexartige Logik anwende, dann hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Dann darf das eine nichts mit dem anderen zu tun haben.

Was Gutes soll mir widerfahren, wenn ich den ganzen Tag mit Bier in der Hand am Büdchen stehe und über das Leben motze und mich von diesen negativen Energien umgebe und angezogen fühle und mir - wenn überhaupt - auch nur solche ‘Kumpels’ aussuche oder nur solche neben mir stehen, mit dem selben Bier in der Hand und der selben Leier?

Ach? Zu weit hergeholt und/oder an den Haaren herbei gezogen?

Dann erklärt mir mal bitte, warum jeder halbwegs gescheite Pädagoge, Sozialarbeiter oder Kinder- und Jugendpsychiater sich das ‘System’ anschaut und am ‘System’ ansetzt. Wer jetzt vor lauter Gezocke nur an PS4 oder Xbox denken kann, der schaue mal bitte kurz bei Wikipedia vorbei und nein, dies ist nicht einer dieser vielen passend zu einer demnächst auf den Markt kommenden neuen Droge geschriebener Artikel:

Systemische Sozialarbeit

Das einzig Gute an meiner Form des Tourette ist, es tritt nur bei Dingen in Erscheinungen, in denen ich über ein klein wenig mehr als Gefährliches Halbwissen verfüge und wie es der Zufall in meinem nicht gefälschten Lebenslauf nun einmal will, habe ich das sogar gelernt/studiert und in dem Feld länger gearbeitet, als die meisten von euch das Internet kennen.

Wer vor lauter Blut an seinem Bildschirm nichts lesen/entziffern konnte - es geht darum, dass man sich, um Kindern/Jugendlichen überhaupt nähern, anfangen sie ein klein wenig verstehen zu können, nicht einzelne Dinge/Situationen im Leben anschaut, sondern das ganze System, das ganze Umfeld.

Es gibt nämlich nicht eine bestimmet Ursache, ein bestimmtes Symptom und auch nicht einen einzigen, bestimmten Auslöser. Es liegt eine Systemstörung vor.

Das Spielen von ‘Killerspielen’ alleine macht noch keinen Amokläufer. Im System, als Ganzes betrachtet gehören sie aber dazu. Oft gehört es zum ‘Ganzheitlichen Ansatz’ auch, Dinge von Hinten aufzuziehen.

Ich weiß es nicht ganz genau und ich bin weder mit den Amokläufen der letzten Jahrzehnte besonders bewandert, noch hat eine Google Suche genügend an den Tag gefördert - aber ich würde gerne mal folgende Frage (ob nun von Hinten oder gar hinterhältig liegt im Auge des Beantworters) stellen:

Welcher der (ja, männlich, da sind die Statistiken eindeutig) sogenannten Amokläufer hat KEINE Killerspiel mehr oder minder exzessiv gespielt?

Man könnte es auch anders formulieren:

Welcher der sogenannten Amokläufer hat seine Gewaltphantasien vorher nicht virtuell versucht auszuleben?

Ich kann euch förmlich sabbern und geifern hören. Killerspiele sind nun einmal der Kantinen-Schweinebraten der Generation Touch-Screen. Wie ihr gleich alle (zum Glück nur/noch virtuell) Amok zu laufen anfangt, wenn auch nur irgend jemand andeutet, ihr könntet eventuell etwas weggenommen bekommen, worauf ihr nun einmal ein angeborenes Grundrecht habt.

Fleisch ist schädlich und für die eine Hälfte der Gleichung leider elendiglich tödlich. Und ja, auch das Ozonloch gibt es wirklich.

Ich bin so dreist und behaupte das gilt auch für so manches Spiel; wenn zum Glück auch nicht in der selben Größenordnung tödlich. Und ja, ich weiß, ich höre euch direkt schon wieder über die Zahlen und Ausnahmen und all die vielen angeblich normalen Menschen diskutieren und abwägen und verklären.

Aber wehe, jemand kippt euch Glyphosate ins Becks Gold und hat dann noch die Dreistigkeit über die Menge und Ungefährlichkeit zu diskutieren. Hätten diese ganzen gekauften Politiker doch einen Arsch und den Mut, die komplett zu verbieten und den Phosphor-Gockel gleich mit; schließlich haben wir ja ein verbrieftes Grundrecht auf drei mal Aufschnitt pro Tag ohne Herbizide.

Wehe diesen selben Politikern, wenn sie einen Arsch zeigen wollen, wenn es um etwas geht, worauf wir ja ein noch viel größeres Grundrecht haben.

Ist schon putzig, wie man gegen die NRA sein kann und pro Sierra.

Wie? Das ist ein unfairer Vergleich? Aus dem selben Mund, der Tot, Mord und Blut mit Fußball gleich stellt?

Wie sagt die NRA immer so schön? Irgend etwas von Menschen und nicht Waffen? Und was antworten wir dann immer, weil wir zum Glück noch ein wenig (nicht nur an uns selber) denken können?

Aber wehe, es geht um Dinge, die wir mögen und die die anderen nicht verstehen und uns wegnehmen wollen. Und nein, ich will euch nichts wegnehmen. Ich will nur, dass wir endlich mit dieser Doppelmoral aufhören und diesem Vorwerfen von Versagen, ohne vorher mal kurz inne und für drei Sekunden die eigenen Reflexe zurück gehalten zu haben.

Wir haben ein Problem. Punkt. Wir haben eine Systemstörung.

Ganz normale Menschen wählen zu Scharen AfD. Fast 50 Prozent aller normalen Menschen in Österreich haben einen Nazi/Rassisten gewählt. Die überwältigende Mehrheit aller Amokläufer der Neuzeit hat Killerspiele nicht nur mal aus Versehen und Langeweile gespielt.

Aber sich das als Ganzes anzuschauen ist ein Tabu; aus dem Mund von vermeintlich aufgeklärten, wissenden und ‘normalen’ Einwohnern des Neulands.

In keinem dieser Fälle helfen Reflexe und noch schnellere Gegenreflexe und schon gar nicht das allgemeine Unter-den-Teppich-Gekehre - allgemein auch unter Besitzstandswahrung bekannt.

Und nein, hier geht es nicht um einen Topf. Wenn du immer noch nicht verstanden hast, worum es mir geht, dann verlasse bitte umgehend die Seite, komme nie wieder und bleibe einfach in (d)einem Mustopf aus Ignoranz und Selbstgefälligkeit hocken.

Mein Tourette zwingt mich abschließend zu folgendem Satz:

Vielleicht sollten einige etwas weniger auf virtuelle Nasen schießen, sondern sich mal an die eigene packen …




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