Diese nervigen Abhängigkeiten

Stellt euch vor, ihr geht auf eine Party. Und um ordentlich trinken zu können, da fahrt ihr nicht alleine – sondern werdet mitgenommen. Und dann ist die Party so was von lahm und das Bier lauwarm und eigentlich nicht trinkbar und ihr wollt nur nach Hause, müsst aber auf den Fahrer (die Fahrerin) warten. Und in solchen Fällen wollen die einfach nicht aufstehen. Und Busse fahren nicht und Geld fürs Taxi habt ihr nicht dabei – schließlich wolltet ihr ja nur Spaß haben.
Und nun stellt euch vor, ihr verdient eure Brötchen ausschließlich mit und im Internet. 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Um das ordentlich bewerkstelligen zu können habt ihr einen Mac, ein iPhone und ein iPad, für zu Hause VDSL, für unterwegs eine UMTS/HDSPA Flatrate und als Ersatz sogar noch einen UMTS Stick von E-Plus.
Schließlich gibt es nichts schlimmeres als ein ausgefallenes DSL oder ein Funkloch im Netz der Telekomiker.
Und nun stellt euch vor, ihr wollt nur mal einen Tag lang euren großen Zeh in die Nordsee halten und fahrt nach Amrum und es ist kalt und regnet und ihr landet genau in dem Dorf – in dem 3G ein Fremdwort ist und Edge auch nicht wirklich funktioniert. Ich hätte nicht gedacht, dass es dies überhaupt noch möglich ist.
Ich mag Regen und ich mag es, im dicken Pulli an der Nordsee entlang zu laufen. Dann bleiben die ganzen anderen Touristen nämlich schon brav daheim.
Aber kein Internet zu haben – bzw. 10 Minuten auf das Laden einer einzigen Mail zu warten und an das Öffnen von dringend benötigten Anhängen ist erst gar nicht zu denken – eher trinke ich lauwarmes Krombacher und höre mir langweiliges Geschwätz von langweiligen Mitmenschen auf langweilen Parties an.
Ich hasse es – abhängig zu sein. Von Menschen. Geld. Und Technik.
Und ich bin es. Aber so dermaßen. Und es gibt so viele von uns, die ohne Internet aufgeschmissen sind – oder sich zumindest gewaltig umgucken müssen. Ich kann nicht wirklich etwas anderes. Ich bin auf IMAP, Sockets, Google und Co angewiesen.
Ich kann nichts reparieren, das nicht einen Apfel hinten drauf hat oder zumindest mit Strom angetrieben wird, ich kann Hafer nicht von Weizen unterscheiden, geschweige denn anpflanzen und wie man Socken strickt, das habe ich aber ganz schnell nach der vierten Klasse wieder verlernt. Und meine Versuche mir meine Möbel selber zu tischlern, hüllen wir bitte in Schweigen.
Ich kann nur noch Dinge – die mit dem eigentlichen Leben nichts mehr – aber auch gar nichts mehr – zu tun haben. Und davon lerne ich täglich immer mehr. Und ich bin nicht alleine.
Ich sollte mir Angst machen. Oder zumindest Gedanken.
Eigentlich sollten wir das alle. Und nach Amrum fahren. Da ist es schön. Wenn man Glück hat – dann hat man da nämlich keine Internet. Da darf man leben. Und frische Luft atmen. Wenn nur die ganzen Touristen mit ihren Macs und iPads und iPhönern nicht wären. Aber die kann man vermeiden. Die findet man nämlich alle nur in einem Dorf. Dort gibt’s 3G.
Also – falls ihr mal auf Amrum sein solltet – macht einen großen Bogen um Wittdün und genießt die Stille …
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