Spannende Zeiten

Ich war Freitag Nacht seit Ewigkeiten mal wieder auflegen. Und man kommt ja mittlerweile immer häufiger in Clubs, in denen nicht einmal mehr zwei/drei Technics rumstehen. Dank Traktor muss man ja mittlerweile nicht mehr gefühlte 300 Kilo an Platten rumschleppen. Das ist schon fein. Wobei das ja auch etwas hat. Mit dem Koffer unterwegs sein, daraus leben und die besten Abende und Nächte sind immer noch die gewesen, bei denen man Platten aus dem Koffer gezogen hat, die man gar nicht eingepackt hatte. Aber gar keine Plattenspieler mehr, kommt mir immer wie Verrat vor. Wer bitte will den mit CDs ernsthaft auflegen?
Heute könnte man ein ein ganzes Set mit einem iPhone und einem 99 Cent App bestreiten. Und so hören sich dann auch die Sets an. Man hört den Unterschied einfach, ob da ein Bübchen steht, dass noch nie zwei Platten per Hand in Einklang bringen musste – oder ob da jemand jahrelang geübt und geübt und geübt hat und sich auch zu helfen weiß, wenn es zu holpern anfängt und die Cue-Punkte ins Urin übergegangen sind. Neben anderen Substanzen.
Nichts gegen das 99 Cent App. Ich bin immer wieder begeistert, was in so ein kleines iPhone passt und was man damit machen kann.
Es sind spannende Zeiten – keine Frage.
Was wir an Möglichkeiten haben ist unglaublich. Ich könnte meine gesamte Musik auf einem iPad erstellen. Ohne Kabel. Was hatten wir Kabel Ende der 80gier, Anfang der 90iger und auch noch im letzten Jahrzehnt.
Den Kabeln trauere ich nicht hinterher. Aber den Knöppchen. Knöppchen drehen kann nicht durch doofes Tatschen ersetzt werden. Niemals. Sex ohne Anfassen. Hilfe!
Aber da dürfte es mir gehen, wie Setzern, Tuschezeichnern und anderen aussterbenden Arten.
Und was habe ich mir schon so oft gewünscht, im richtigen Leben Apfel+Z zu drücken. Falsch in die Wand gebohrt? Apfel+Z. Zu schnell das Maul aufgerissen? Apfel+Z. Depp vor einem? Apfel+Entfernen.
Dafür kann man im richtigen Leben entscheiden, was man benutzen will. Und was man lernen will. Denn auch analoges kann man digital lernen. Aber andersrum geht es nicht.
Und genau das ist der Punkt, der so oft verkannt wird. Der Mensch bleibt Mensch. Auch ohne Grönemeyer. Alles, was sich ändert, sind die Werkzeuge. Und das sind auch nur Werkzeuge. Betonung auf nur. Auch ein 99 Cent App erfordert Kreativität. Kreativität in der Herstellung und Kreativität in der Benutzung.
Und das ist das Spannende.
Und wenn man dies so sieht und begreift, dann sind auch spannende Ergebnisse möglich. Auch Einsen und Nullen erfordern Übung. Und die Möglichkeit einer jederzeit Apfelzettisierung muss nicht unbedingt alles einfacher und kreativer machen.
Im Gegenteil. Mut zur Lücke ist ein seltenes Gut. Und die Begrenzung und der Mangel waren schon immer der Motor einer jeden Kreativität. Nur zu viele Kabel nicht. Die waren immer schon nervig. Drum werdet ihr mich an dem Tag, an dem der Flugstrom verwendbar erfunden wird – da werdet ihr mich tanzen sehen.
Tanzen zu Musik vom Plattenspieler. Ohne Kabel.
Es sind spannende Zeiten. Und dennoch bin ich froh, dass ich meine Jugend noch mit Bonanza-Rädern, Wählscheiben und Baumhäusern verbringen durfte. Digitale Möglichkeiten sind für mich keine Selbstverständlichkeiten – sondern spannende Werkzeuge. Werkzeuge unter vielen. Und bei meinen Werkzeugen, da bin ich wählerisch.
Übrigens habe ich mangels Plattenspieler mein erstes Set nur mit iPhone und iPad bestritten. Und genau so hat es geklungen. Als würde da ein alter Sack krampfhaft versuchen, das iPad von Hand anzuschieben und abzubremsen.
Ist den Jungspunden zum Glück nicht aufgefallen und ich besitze ja auch keine Ortofon Aktien …

13.11.11 | 03:48
Da kann ich Dir den Film “Venylmania” empfehlen. Zuletzt gesehen bei arte und ist oder war dort in der Mediathek zu finden. Wiederholungen sind möglich ( http://videos.arte.tv/de/videos/vinylmania-4234866.html ).
Eine nette Reportage über Venylsammler, insbesondere eines Bestimmten, der selbst diesen Film produziert hat. Quer gereist durch die Metropolen dieser Welt, hat er verschiedene CD-Ablehner getroffen. Besonders gefallen hat mir der japanische Schallplatten-Spieler mit einer optischen Abtastung; natürlich nicht zu vergleichen mit den Technics-Plattentellern.
13.11.11 | 03:56
Da dann schau ich mir den mal an :-)
13.11.11 | 04:00
:-(
Video zur Zeit leider nicht verfügbar …
13.11.11 | 06:02
> Apfel+Delete (wie heißt das eigentlich auf deutsch?)
Auf deutsch heißt es “Entfernen” und das klingt in dem Zusammenhang noch viel schöner finde ich :)
13.11.11 | 06:04
In der Tat. Drum auch gleich geändert. Danke.
13.11.11 | 06:12
Wird morgen (Montag, 14. November 2011, 10:05 ) wiederholt, evtl. danach wieder für sieben Tage in der Mediathek verfügbar.
13.11.11 | 06:12
Ah :-)
13.11.11 | 07:45
Alsi jetzt würde ich aber schon mal gerne ein Set von Dir auf die Ohren bekommen. Ich mag Deine Schreibe….wenn also Dein Sound auch so ausgefeilt ist….
13.11.11 | 07:47
Wenn du das der GEMA irgendwie beibringst, dann veröffentliche ich hier gerne wöchentlich neue Sets :-)