Wie man sich langsam selber tötet

Man hat es aber auch nicht leicht. Da entwickelt man eher durch Zufall ein Tool zur Massenkommunikation, das dann weltweit von Millionen genutzt wird. Und täglich kommen hunderttausende hinzu.

Das braucht Server und Mitarbeiter und überhaupt. Das kostet. Und dann würde man ja gerne auch noch die eigene Miete zahlen und ab und an seiner Freundin was Schönes kaufen.

Also holt man sich Investoren mit ins Boot. Die geben einem erst einmal Geld praktisch nur für eine Idee. Damit kauft man sich mehr Serverkapazität, stellt neue Designer, Admins und PR-Menschen ein, zahlt seine Miete und seiner Freundin was Schönes.

Die eigene Idee wird zur Idee von vielen, die diese dankbar annehmen, gerade weil sie so schön einfach ist, nichts kostet und vor allem einem Bedürfnis nachkommt – der Kommunikation.

Nun denkt und behauptet der Mensch von sich immer gerne, dass er ganz Kosmopolit ist – nur wenn ihr dann mal jetzt alle in eure Timeline schauen würdet, dann würdet ihr feststellen – sofern ihr dies noch nicht schon selber festgestellt haben solltet – wir alle Leben in einem digitalen Dorf.

Ja – ab und an dringt mal etwas Lärm von etwas weiter her in unsere Dorfkneipe Bezugsgruppe. Aber eigentlich haben wir uns schön gemütlich eingerichtet und schwätzen mit immer den Selben und wenn uns mal ein Neuer gefällt, wegen seiner flotten Sprüche – dann darf der mit ein Bier trinken.

Das alles ist auch gar nicht schlimm – im Gegenteil. So sind wir halt. Und vor allem sind wir Gewohnheitstiere. Das war schon immer so und das haben wir auch schon immer so gemacht. Meine Kommunikation kommt zuerst. In unseren Breitengraden wird von links nach rechts gedacht.

Und wir suchen uns immer noch aus, mit wem wir reden und mit wem wir nicht.

Menschen, die mit ihnen reden, reden auch mit …

Danke, nein. Am liebsten rede ich noch mit mir selber. Punkt.

Leider sind wir ja auch so, das wir es am liebsten haben, wenn die Zeche ein anderer zahlt. Drum ist es ja auch so schwer, neue Ideen zu verbreiten. Nur ein einziges Prozent aller Dropbox Nutzer zahlt überhaupt. Nur mal so als Beispiel. Bei Evernote sind es ein paar mehr. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen, da tümmeln sich auf den Home Screenen dieser Welt kostenlose Apps.

Und wir twittern in der Menge ja auch nur, weil es nichts kostet. Und klar, es wird ein paar geben, die dafür zahlen würden, aber das Sümmchen, das dabei zusammen käme, würde wahrscheinlich nicht einmal für die Renditeerwartungen der Investoren eines Jahres reichen.

Also muss man sich, so als Erfinder einer Idee, von der man gerne Leben würde – etwas einfallen lassen. Und die einzige Antwort ist nun einmal Werbung.

Werbung. Werbung. Werbung.

Ich persönlich mag Werbung. Oder andersrum. Ich habe erst einmal kein Problem mit Werbung. Haben übrigens die wenigsten. Wir sind sie schließlich jetzt schon lange genug gewöhnt.

Aber was wir haben, ist ein Problem damit – wie wir sie präsentiert bekommen.

Man präsentiere sie mir bitte so, dass ich mir einbilden kann – ich schaue sie freiwillig und alles ist gut. Dann zieh’ ich auch los und kaufe den Scheiß und erzähle allen anderen davon.

Ich will nicht im Nacken gepackt und mit der Nase in etwas hinein gedrückt werden. Das kann von mir aus aus purem Gold sein und herrlich riechen. Mit stinkt es trotzdem.

Und gestern, da. Da würde ich nicht nur meiner gewohnten Reihenfolge beraubt – ihr erinnert euch: Ich zuerst. Nein, mir würde gleichzeitig auch noch etwas hässliches vor die Nase gesetzt und dann wurde ich auch noch im Nacken gepackt und zum Entdecker gezwungen. Und dann wurde mir auch noch eine Katastrophe an Benutzerführung zugemutet.

Schlag ins Gesicht, Schlag auf die Augen, Schlag in den Nacken und Schlag auf die Finger. Einzeln schon nicht prickelnd. Aber zusammen? Geballt? Auf einmal?

Wirklich?

Ich bin mein eigener Kapitän.

Ich bin der erste, der versteht, dass ihr Geld machen müsst. Ich würde für Twitter sogar auch bezahlen. Aber das muss gar nicht sein. Man hätte das auch anders gestalten (ja, Wortspiel) können.

Um das Applesche Basta (siehe Final Cut) bringen zu können, muss man Apple sein und schon mit beiden Händen im Portemonnaie der Nutzer stecken. Alle anderen sollten tunlichst die Samthandschuhe anziehen.

Ich möchte sanft an etwas Neues herangeführt werden. Und wenn ich dann noch das Gefühl habe, das dies ja eigentlich meine Idee war, dann erzähle ich auch jedem, was ich heute alles tolles Neues entdeckt habe.

Aber so nicht.

Und vor allem, was soll diese völlig vermurkste, nicht durchdachte Hässlichkeit? Mittlerweile bin ich mir ja recht sicher, dass Loren Brichter (Erfinder/Entwickler von Tweetie) euch verlassen hat – weil er innerlich nur noch gekotzt hat. Was Brichter nämlich geschaffen hat, war ziemlich gut und durchdacht und er hat uns Millionen Nutzern die Hand gehalten, während wir uns an unser neues Twitterverhalten gewöhnt haben. Wer mit Twitteriffic angefangen hat, der weiß, was ich meine.

Aber was ihr da gestern im Frontalangriff durchgeboxt habt macht mich fassungslos. Und ich finde es Schade. Habt ihr euch in der Vergangenheit (trotz kleiner Unstimmigkeiten) doch eigentlich als ziemlich zurückhaltend und bedacht (im Sinne von durchdacht) gezeigt.

Ich weiß, der liebe Gott konnte die Welt auch nur in sieben Tagen erschaffen, weil es noch keine Benutzerbasis gab und es gibt nichts Nervigeres als existierende Benutzer, die meinen, einen vorschreiben zu müssen, wie es geht und alles besser wissen.

Das Problem ist nur, für Menschen wie mich und die meisten von euch, die hier lesen – ist Twitter ein verdammt großer Teil unseres digitalen Lebens.

Und wenn man aus unserer Lieblingskneipe über Nacht eine vermeintlich durchgestylte Espressobar mit Werbetafeln an jeder Ecke macht und wir nur auf IKEA Art (also an jedem Scheiß vorbei, den wir nicht wollen) zu unserem Lieblingstisch gelangen, dann kotzen wir.

Punkt.

Ein bisschen langsamer, ein bisschen durchdachter, ein bisschen weniger hässlich und die Lichtschalter erst einmal da gelassen, wo wir sie seit Jahren gefunden haben und wir würden jetzt nicht laut weinend im Raum stehen.

Aber wenn uns eines die letzten Jahre im Internet gezeigt wurde, dann – dass sich alles ändert. Und zwar schnell. Manchmal von jetzt auf gleich. Man gewöhnt sich also schnell an etwas oder man zieht halt weiter.

Und manches muss man erst gar nicht mitmachen. Manches allerdings vermisst man auch schnell …







Du verspürst den Drang zum Zwischenrufen? Dann gib dich ihm hin!