Moral kennt keine Summe

Und jetzt mal zu etwas ganz anderem. Was mir die ganzen Tage schon gewaltig auf den Sack geht.

Ohne private Kredite von Freunden/Bekannten/Menschen mit mehr Geld, hätte ich schon mindestens zehn mal auf der Straße gesessen oder der Ollerum wäre verhungert (ja, etwas übertrieben – aber nahe dran).

Und wie oft bin ich früher schon mit anderen in deren Ferienhaus in Urlaub gefahren. Da ich mir noch nie ein eigenes Ferienhaus leisten konnte und auch wohl nie werden kann (was übrigens nicht schlimm ist, gibt ja genug mit) – waren dies natürlich so im direkten Vergleich immer grandiose Luxushütten.

Und wenn ich von meiner Bank, weil mich die nette Beraterin einfach mag, besonders gute Konditionen für einen Kredit bekommen, dann sage ich auch garantiert nicht nein. Auch nicht, wenn ich weiß, dass andere die vielleicht nicht bekommen.

Und wenn einer dieser Freunde mit Ferienhaus mir einen Job verschafft, weil er dazu in der Lage ist und mir dafür dann auch mehr bezahlt und ich mir dafür extra viel Mühe gebe, dann ist das auch nichts Ungewöhnliches oder gar Schlimmes – das nennt man Networking. Denn ich kenne jemanden, der sein Produkt oder seine Leistung gut gebrauchen kann.

Und vielleicht fahren wir nächstes Jahr dann zusammen in dessen Ferienhaus und gehen abends ab und an mal einen trinken.

Und das machen wir alle so, wenn wir vernetzt sind und Freund/Bekannte haben und wir der Typ für Ferienhäuser sind.

Also können wir uns erst einmal diese olle Doppelmoral abgewöhnen und mit dem Zeigefinger wedelnd von uns weisen. Wo sich uns nur die Gelegenheit bietet, versuchen wir auch Steuern zu sparen, wie wir nur können. Bei uns mögen die Summen nur etwas andere sein. Wie bei den Krediten auch.

Moral hat nur nichts mit einer Summe zu tun. Oder sollte es nicht. Vergessen Verdrängen wir nur so gerne.

Jetzt gibt es da nur so eine kleine Feinheit. Jeder im Öffentlichen Dienst kennt sie. Das ist dieses Formular, welches man direkt nach dem Arbeitsvertrag unterschreiben muss.

Bestechung und so. Annahme von Geschenken, Begünstigungen und dergleichen Dinge.

Da gibt es ganz klare (im Ernst, die sind ausnahmsweise und für deutsche Verhältnisse mal verdammt deutlich formuliert) Regelungen. Und wer dagegen verstößt, der wird abgemahnt und dann gegangen. Punkt.

Und diese Regelungen sind (auch wieder für Deutschland untypisch) völlig unabhängig von der Position/dem Amt. Die stehen da. Schwarz auf Weiß. Da gibt es keine Grauzone oder Beliebtheitspunkte.

Natürlich höre ich, nur weil ich gerade mal einen Job im Öffentlichen Dienst ausübe, nicht auf, mit irgend jemand befreundet zu sein (dies ist jetzt die optimistische, positive Formulierung/Unterstellung) und natürlich fahre ich auch weiter in Urlaub.

Nur dann sehe ich zu, dass alles mit Rechten Dingen (also den ganz klaren Regelungen nach) zugeht. Auch Transparenz genannt. Und die kennt eigentlich auch keine Summen.

Können wir also bitte mal damit aufhören nachzurechnen, was er vielleicht gespart haben könnte. Hätten wir nämlich auch, wenn wir könnten. Auch ist es völlig unerheblich, an welchen tollen Orten er Urlaub gemacht hat und was das für Luxushütten gewesen sind.

Darum geht es nämlich eigentlich gar nicht.

Das sagt nämlich nur Dinge über unsere eigene Charaktereigenschaften aus. Und Neid und Moral und Anstand und Zeigefinger, die passen einfach nicht zusammen.

Es ist völligst egal, mit wem jemand in den Urlaub fährt und wie viele Sterne das Hotel hatte – so lange dieser Person ihren Job ordentlich macht. Und dazu gehört nun einmal, dass man sich an die Regeln hält, die man unterschrieben hat.

Und tut sie dies nicht, dann wird sie abgemahnt und dann gegangen. Naiv gesprochen.

Aber bei uns scheint die Moral wohl doch nur aus Summen und Beliebtheitspunkten (vermeintlichen) zu bestehen …






Zwischenrufe

  1. Mario

    Ja und nein. Klar hätten wir das auch gemacht. Mich stören ganz andere Sachen.

    Es geht hier auch um Ehrlichkeit. Er hat in der Vergangenheit andere Leute für ähnliche Aktionen an den Pranger gestellt und Konsequenzen gefordert. Warum jetzt bei sich selbst andere Maßstäbe ansetzen? Warum kommt die Wahrheit von ihm nur scheibchenweise und nur das, was eh schon bekannt ist?

    Und für mich machte es sehr wohl einen Unterschied, ob es um Lieschen Müller von nebenan geht oder jemanden, der mein Land nach außen präsentiert. Oder ob man trotz Job geradeso zurecht kommt oder „im Geld schwimmt“. Oder ob man nach einem Fehler ohne Abfindung gefeuert wird, oder als Politiker noch jahrelang ohne Sorgen Geld fürs Nichtstun bekommt.

    Es gibt Positionen, da hat man so ein Verhalten einfach nicht nötig und da erwarte ich ein bisschen Moral. Ja, die Grenzen sind fließend, aber jemand in seiner Position hat sie für mich überschritten. Ich erwarte von Politikern schon lange keine Ehrlichkeit mehr. Traurig. Und deshalb finde ich die Diskussion darüber richtig.



  2. el-flojo

    Sehe es ähnlich wie Mario.
    Unser Grüßaugust hat sich an die Regeln zu halten, die er selbst immer so vehement eingefordert hat. Ich sag nur “physische Schmerzen”.
    Kann er nicht? Pech. Abtreten! Aber OHNE die Rente, die das Amt mit sich bringt. Die sollte nur bekommen, wer nicht wegen Regelverstoß fliegt.
    Moral verlange ich gar nicht - da hat eh jeder seine eigene Version und Politiker schonmal gar keine.
    Ach, und was ich nicht mehr hören kann: Respekt vor dem Amt!
    Pah! Sowas gibt’s auch nur im obrigkeitsgeilen Deutschland. Und in Thailand. Vielleicht importieren wir ja demnächst ein paar Gesetze von denen und dann gibt es solche Geschichten auch nicht mehr.

    Mir ist schonmal das Essen hochgekommen, als ich mit Wulff am selben Tisch zu Abend essen “durfte” und jetzt schafft er’s wieder. Das reicht. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Vendetta.



  3. Moss

    Es gibt vielleicht einen winzigen Unterschied zwischen Dir, mein lieber Michael, der Du irgendwo in der kalten Hauptstadt sitzt, Software klöppelst und dem Ollerum das Klo ausräumst, und dem Inhaber des höchsten politischen Amts der Bundesrepublik und den Anforderungen an seine Unangreifbarkeit. Der soll uns alle repräsentieren, quasi ein Vorzeigedeutscher sein. Da macht es sich natürlich besonders gut, sich von einem befreundeten Unternehmer in den Urlaub einladen zu lassen und den dann anschließend in die Delegationsentourage nach Asien mitzunehmen oder sich von einem Finanzhai übelster Sorte die Werbung für’s eigene Buch bezahlen zu lassen.

    Das hätte mich bei Dir gestört, aber ich hätte es wenigstens nachvollziehen können. Bei einem, dem wir alle bis an sein Lebensende ein bedingungsloses Grundeinkommen von rund 200 k€/Jahr plus Aufwandspauschale (78 k€/Jahr) plus Büro plus Sekretärin plus einen weiteren Mitarbeiter plus Dienstwagen zur Verfügung stellen, erwarte ich allerdings, dass er seinen Urlaub und seine Bücherwerbung selber zahlt.



  4. Jens

    Kann mich meinen Vorkommentatoren nur anschließen! Was mich aber doch ein bisschen verwundert lieber Michael, dass ich aus Deinem Beitrag nicht ganz schlau geworden bin. Im Normalfall bist Du ja in Deinen Ausführungen recht klar, bisweilen sehr plakativ und auch mal emotional. Am Ende ist die Message aber meist recht klar! Diesmal kann ich Deinem Beitrag keinen so recht klaren Standpunkt entnehmen und frage mich warum eigentlich?

    Wenn man mal auf’s Jahr zurückschaut und die beiden prominentesten Fälle von „Politikerstürzen“ ansieht, dann beängstigt mich am meisten die offensichtliche Dummheit die hinter den Problemen steckt. Ich nenne es mal Dummheit, weil mir nichts treffenderes einfällt. Denn der erste Fall: unser lieber Lügenbaron aus Franken. Wenn man sich mit solchen politischen Ambitionen trägt, wie er es tat, dann ist es einfach so richtig saudumm, wie er sich beim Versuch die Doktorwürde zu bekommen angestellt hat, ganz gleich, ob es an den 80 Datenträgern lag oder ob es eine Auftragsarbeit war, die er nicht mal richtig kontrolliert hat.
    Beim Präsidenten ja genau das gleiche, wie dumm muss man denn sein, solch hohe Moral zu predigen, sich selbst nicht dran zu halten und dann zu glauben, es wird schon keiner merken! Und wenn doch einfach solange nichts zu sagen, bis die Sache ausgestanden ist.

    Mir macht das wirklich Angst, dass Leute die so Dumm oder Arrogant sind, Entscheidungen fällen mit solcher Tragweite. Damit meine ich nicht, dass man in einem solchen Amt keine Fehler machen dürfte, aber sie sollten nicht aus Dummheit, Arroganz oder menschlicher Schwäche gemacht werden.

    So nun allen Frohe Weihnachten! Auch unseren lieben „Leitfiguren“!



  5. Hannelore

    Des Deutschen liebste Beschäftigung ist, mit dem Finger auf andere zeigen für „Vergehen”, die ihm selber nicht im Traum einfallen würden. Denn er selber ist ja sowas von untadelig.

    Insofern bin ich bei Michael und im übrigen auch bei Mely Kiyak (http://www.fr-online.de/meinung/kolumne-zu-wulff-lieber-kredit-,1472602,11319618.html). Grundsätzlich ist das alles Fliegenschiss.

    Nun ist unser oberster Grüßaugust aber nicht Lieschen Müller, und man kann ob seiner derzeitigen und auch früheren Position nur von Dummheit bzw. Bauernschläue reden, wenn einer solche Aktionen nicht zu Ende denkt. Da geschieht es ihm völlig Recht, dass er für die 500 K€ in so einer Hütte (http://www.taz.de/!83985/) wohnen muss.



  6. Michael

    Na wenigstens eine versteht mich :-)



  7. Hannelore

    Bei uns gibt’s halt auch das Pendant zum Frauenversteher!

    Aber mal ehrlich: Das größte Insekt ist halt immer noch der Elefant, und der wird gern dafür benutzt, sich selbst (oder seinen eigenen) zu vergrößern und andere (oder den anderer) klein zu reden.

    Der Knabe hat Scheiße gebaut (darf frau sowas hier schreiben?), bekommt dafür eins auf die Mütze, muss mit seiner derzeitigen Lebensabschnittsgefährtin in dem Märklin-Häuschen wohnen, kriegt immer wieder eins auf die Mütze, muss seinen Landesvater-Flüsterer rausschmeißen, vor der versammelten Nation die Hosen runterlassen – kriegt weiterhin eins auf die Mütze, weil man auf den billigen Plätzen nicht alles sehen konnte …

    Kriegt euch wieder ein Leute, schaltet euer Hirn (also das oberhalb der Gürtellinie) ein und stellt mal ganz unbedarft die Cui Bono-Frage.



  8. el-flojo

    Ach, dann lassen wir sie doch einfach alle machen. Ist schließlich das, was wir Deutschen immer am besten konnten. Man will ja keinen enttäuschen. Außerdem ist Weihnachten.




Du verspürst den Drang zum Zwischenrufen? Dann gib dich ihm hin!