Der blinde Fleck

Es ist gut und wichtig, dass immer wieder ein Artikel in der NYT – oder wo auch immer – erscheint. Um so besser, dass es endlich mal ein halbwegs gescheit recherchierter und geschriebener Artikel ist.

Wie unsere geliebten Apple Produkte hergestellt werden ist kein Geheimnis. Wir sind aufgeklärt. Auch wissen wir, dass diese Zustände für jeden Konzern gleich sind. Sony, HP oder Samsung.

Apple steht halt immer ganz oben. Wer permanent kostenlose Werbung in allen Medien dieser Welt bekommt, der bekommt auch halt den Rest ab. Die meisten von uns können das auch unterscheiden. Wir sind ja aufgeklärt.

Und wenn einer eine Industrie umkrempeln kann, dann ist das Apple. In allen Bereichen. Insofern ist das auch für die Menschen, die unsere Gadgets zusammen klöppeln (und sich selber nie eines leisten werden können) nicht verkehrt.

Leider fehlt da allzu oft aber die wichtigste Komponente in der Betrachtung. Der NYT Artikel wurde auch auf einem Mac geschrieben, auf einem Mac zusammenlayoutet und die allermeisten NYT Redakteure werden kein Smartphone von Samsung in ihre Besprechungen mitnehmen.

Genauso wie dieses kleine launische Seite ohne Mac undenkbar wäre. Und du, der dies gerade liest, wird dies mit einer 98 prozentigen Wahrscheinlichkeit auf einem Gerät mit Apfel hintendrauf tun.

Wir sind aufgeklärt. Wir wissen (ansatzweise) was in der Welt passiert. Wir wissen halbwegs um die Zustände bei Foxconn und Co. Böse Chinesen. Böses Apple. Böses Sony. Aber das doppelte für ein MacBook Air zahlen? Niemals!

Henne. Ei. Salmonelle. Ich wette, die schieben es auch immer gegenseitig auf sich.

Aber ich war ja noch gar nicht da, da hat …

Es sind immer die anderen. Denn dann können wir es trotzdem tun. Wir alle. Du und ich. Und wir alle haben unsere eigene kleine Ausrede dafür – warum wir es tun. Schnabellose Masthähnchen, blaugelbe Flachpressplatten-Billys, aneinandergereihte Auflösefäden von Hennes&Mauritz und in giftiger Umgebung hochglanzpolierte Glücklichmacher von Apple.

All das stapelt sich bei uns bis unter die Decke. Weil wir so großartig darin sind, die Augen so gekonnt zu verschließen. Wir kaufen es trotzdem. Weil halt. Du und ich. Und Apple ist schuld.

Die könnten ja, wenn sie nur wollten. Sie würden auch – wenn wir nur wollten …

In China, Human Costs Are Built Into an iPad






Zwischenrufe

  1. Hannelore

    In vielen Bereichen können wir auf ethisch-ökologisch vertretbar produzierte Artikel (ein paar Beispiele hat der Michael oben schon gelistet) ausweichen, in manchen (z.B. Computer/Smartphones usw.) aber nicht. Außerhalb Mainstream kostet. Und das kann oder will sich die Mehrheit nicht leisten. Meist wird über Alternativen nur in preislicher Hinsicht nachgedacht, also wenn billiger, dann kaufen.

    Quantität statt Qualität. Das ist nun mal das Prinzip der Demokratie: Nicht der Bessere gewinnt, sondern der mit den meisten Stimmen. Nicht mehr das Bessere, sondern das Billigere ist des Guten Feind. Kann man allenthalben sehen. Schon mal bei KIK ein T-Shirt für zwei Euro gekauft? Davon kriege ich doch mindestens ein Dutzend für den Preis eines ordentlichen und ordentlich hergestellten. Also ist die Wahl schnell getroffen. Wo is Problem?

    Dem gemeinen Verbraucher ist das Hemd näher als der Rock: Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier!

    So lange die Masse durch ihr Konsumverhalten entscheidet, wird sich diesbezüglich gar nichts zum Besseren ändern. Kann sich noch jemand an BSE, Hormone in der Kälbermast, Gammelfleisch und sonstige Skandale erinnern? Und was hat’s gebracht?



  2. Moss

    @Hannelore: Solange die «Masse», also der Teil der Gesellschaft zwischen offiziell arbeitslos und wohlhabend (oder im Schwarz-Geld-Deutsch: «Leistungsträger») im Schnitt immer weniger verdient, wird das auch so bleiben. Ich sitze in einer durchaus wohlgenährten Gegend im alles andere als armen BaWü und hier kenne reichlich Leute, die sich eben nicht das Fleisch vom Bauernmetzger am Wochenmarkt (und Chef der CDU-Fraktion im Stadtrat) und das Brot vom lokalen Bäcker nebenan leisten können, sondern auf die tiefgefrorenen Schlachtabfälle und das Backtriebmittel mit Kunstkruste vom $DISCOUNTER angewiesen sind, wenn sie von ihren H-IV-aufgestockten Hungerlöhnen für’s nächtliche Prospektausfahren auch mal Fleisch (oder zumindest etwas, das so heißt) essen wollen.

    Ein Schelm, wer System dahinter vermutet.



  3. Hannelore

    Bis auf eine dünne Rahmschicht auf der Milch der Gesellschaft haben wir alle mit einem Kaufkraftverlust zu tun, schon seit vielen Jahren. Wenn man sich aber mal anschaut, wie die Ausgabenverteilung sich in den vergangenen 30, 40 oder gar 50 Jahren entwickelt hat, kann man sich schon mal nachdenklich am Kopf kratzen. Selbst die von Moss genannten Leistungsträger und Hungerlöhner leisten sich heute mehr (wirklich notwendige?) Dinge, wodurch im Bundesdurchschnitt knapp über 10% des monatlichen Einkommens für die Ernährung bleibt bzw. ausgegeben werden. Das ist im internationalen Vergleich ziemlich weit unten.

    Bitte, ich dränge niemanden an den Rand oder verbreite tumbe Polemik. Bitte nur um ganzheitliche Betrachtung. Dass es immer Extrembeispiele – am einen oder anderen Rand der Gesellschaft – gibt, ist klar.

    Zurück zum Thema: Der blinde Fleck oder „Aus dem Auge, aus dem Sinn”. Wir Menschen und -innen sind nun mal so gestrickt, dass alles, was außerhalb unseres direkten Wahrnehmungsbereiches liegt, zweitrangig bis uninteressant ist. Das gilt explizit für alle, egal ob es sich um Prospektverteiler oder Finanzmakler handelt. Evolutionär bedingt? –Kann schon sein. Zumindest steckt in uns allen (!) mehr Steinzeit als wir zuzugeben bereit sind. Denn mal ehrlich: Wie machen sich denn die (großzügig gerechnet) 2.000 Jahre Kultur im Verhältnis zu Jahrmillionen menschlicher Entwicklungsgeschichte aus?

    Mickrig, finde ich.

    Ende des misanthropen Rundumschlages.



  4. OttoKrueja

    Ja, die Hersteller tragen einen nicht unwesentlichen Anteil daran. Durch Beschneiden der Möglichkeiten, die die Hardware bietet (z.B. Fotoapparate). Durch Marketing suggerierte Pseudo-Innovationen. Durch fehlende Abwärtskompatibilität der Betriebssysteme (Windows-Treiber, OSX, Hersteller von Android-Phones). Und nicht zuletzt durch künstliche Lebenszeitverkürzung.

    Dadurch, daß ’der Markt’ demzufolge ständig nach neuen Produkten verlangt, muß immer mehr immer billiger produziert werden. Ergo > Asien > Ausbeutung etc. pp. Das hängt ganz unmittelbar zusammen. Der ’Fortschritt’ darf ja nicht aufgehalten werden. ’Innovationen’ müssen vorangetrieben werden! Jawoll!

    Ein kaputter Akku ist fast gleichbedeutend mit dem Totalverlust des Geräts. Entweder ist er fest eingebaut, eine Reparatur kostet dann das 20-fache einer Neuanschaffung oder es gibt schlicht keinen Ersatz mehr.

    Die Volldeppen, die der Meinung sind, ein 13″ MBA zu kaufen, weil ihr aktuelles 11″ zum arbeiten un-mög-lich ist, die frage ich doch, warum sie sich dann erst vor einem halben Jahr das 11″ gekauft haben!? Weil es gerade nix besseres gab, kaufe ich halt ich das, was ich nicht gebrauchen kann? Oder was? 1kg Aluminium für’n Arsch.

    Der aktuelle Rechner erfüllt alle Wünsche, aber kaum sind die Spezifikationen für den Nachfolger raus, meint man die Unzulänglichkeiten des Vorhandenen ständig und überall zu spüren, also muß ein neuer her…

    Das Spiel in einer niedrigeren Auflösung spielen!? BLOSS NICHT! Wo kommen wir denn da hin! Neue Grafikkarte. Oh die schafft ‘ne höhere Auflösung! Neuer Monitor, muß jetzt sein.

    Was die Leute auch alles immer so unbedingt ’brauchen’ … Das Marketing hat hier ganze Arbeit geleistet. Siehe auch den HDready-fullHD-Schwachsinn. Da wurde jahrelang unbrauchbarer Scheiß verscherbelt, der weder Analog-TV noch Digital-TV, geschweige denn HDTV richtig darstellen konnte. Und die Idioten haben jeden Schritt mitgemacht …

    Soll mir keiner erzählen, die alte Hardware tut’s auf einmal nicht mehr. Weil der i7 raus ist werden alle Core2Duos traurig, schmollen und arbeiten plötzlich langsamer, als zu der Zeit, als sie noch neu waren?

    Hannelore: »In vielen Bereichen können wir auf ethisch-ökologisch vertretbar produzierte Artikel […] ausweichen, in manchen (z.B. Computer/Smartphones usw.) aber nicht.«
    Ja, das ist richtig. Aber warum hören wir dann nicht auf, ständig neu zu kaufen? Das zeigt dem Hersteller doch, daß er richtig liegt.
    Alle 2 Jahre ein neues Telefon, weil’s ja ’unsichtbar’ finanziert wird, das ist doch Irrsinn!

    Und so haben wir bergeweise funktionierender Geräte, denen irgendwo unter freiem Himmel die Metalle rausgeätzt werden, die für sinnlose halbjährige Nutzung unter uns bekannten Bedingungen zusammengeschustert wurden, um diese dann wieder für sinnlose halbjährige Nutzung … naja undsoweiter.



  5. Hannelore

    […Aber warum hören wir dann nicht auf, ständig neu zu kaufen?…]

    Weil’s schön ist, weil’s Spaß macht, weil’s die anderen auch (oder noch nicht) haben, weil wir’s uns leisten können/wollen/müssen, weil wir’s uns einfach verdient haben, weil wir für unser Geld hart arbeiten und uns was gönnen wollen, weil es gut tut, weil Konsumopiate von der Traurigkeit unseres Seins ablenken, weil Schwanzlängenvergleiche heute nun mal so laufen, weil, weil weil. Hunderttausend Bauchentscheidungs-weils, obwohl unser Hirn (hoffentlich) was anderes sagt.

    In Sachen Hedonismus hatten uns die Griechen zumindest die Moral voraus.



  6. Meine Links des Tages : e13.de

    […] Apfel+Z | Der blinde Fleck – «Henne. Ei. Salmonelle. Ich wette, die schieben es auch immer gegenseitig auf sich.» Veröffentlicht am: 28. Jan. 2012 Archiviert unter: Blog Tags: gebookmarked kommentieren Name: (wird benötigt) […]




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